Ein Wikipedia-Artikel gilt in vielen Unternehmen als Aufgabe der Marketingabteilung: ein Thema, das irgendwann mal angegangen werden soll. Sascha Pöschl widerspricht dieser Einschätzung deutlich. Als Wikipedia-Berater und Top-1000-Autor mit mittlerweile über 32.000 Bearbeitungen seit 2007 sieht er täglich, was passiert, wenn Unternehmen das Thema unterschätzen: veraltete oder lückenhafte Artikel, die nicht nur bei Google, sondern zunehmend auch in den Antworten von KI-Systemen wie ChatGPT und Perplexity auftauchen oder ganz fehlen, während der Wettbewerb längst präsent ist. Im Interview mit kundengewinnungheute.de erklärt er, wo die Grenze zwischen legitimer Unternehmensinformation und unzulässiger Werbung verläuft, welche Relevanzkriterien Mittelständler erfüllen müssen, warum ein Artikel ohne laufende Pflege zum Risiko wird und woran Geschäftsführer unseriöse Anbieter erkennen.
Zwischen Information und Werbung: Wo die Grenze wirklich verläuft
Wikipedia gilt als unabhängig und nicht käuflich. Dennoch gibt es legitime Wege für Unternehmen, dort präsent zu sein. Wo genau verläuft die Grenze zwischen erlaubtem Engagement und regelwidrigem Einfluss?
Die Grenze verläuft nach Pöschls Einschätzung exakt zwischen Information und Werbung. Wikipedia sei keine Marketingplattform und kein PR-Portal: geschönte Selbstdarstellung und werbliche Sprache hätten in einer Enzyklopädie nichts verloren. Erlaubt und ausdrücklich erwünscht sei dagegen das Ergänzen sachlicher, neutraler Fakten, die durch unabhängige Quellen belegt sind. Für Unternehmen, die Auftragsarbeiten vergeben, gelte eine klare Regel: Bezahltes Schreiben muss offengelegt werden. Geschieht das nicht, riskiere nicht nur der Autor, sondern auch das beauftragende Unternehmen, dass der Artikel wieder gelöscht wird. Das ist ein Reputationsrisiko, das sich vermeiden lässt, wenn von Anfang an sauber gearbeitet wird.
Welche Unternehmen überhaupt eine Chance haben
Viele Unternehmen scheitern mit ihrem Wikipedia-Eintrag an den Relevanzkriterien. Was müssen Mittelständler konkret mitbringen, damit ein Artikel überhaupt eine Chance hat?
Die meisten Mittelständler erfüllen laut Pöschl die gängigen Relevanzkriterien für Wirtschaftsunternehmen (Umsatz von mindestens 100 Millionen Euro oder mehr als 1.000 Mitarbeitende) nicht. Es gebe aber weitere Wege zur Relevanz: eine marktbeherrschende Stellung oder eine innovative Vorreiterrolle bei einer relevanten Produktgruppe oder Dienstleistung, oder eine anhaltende Berichterstattung in überregionalen Medien. Entscheidend sei, vor der Erstellung eines Artikels genau zu recherchieren und belastbare Belege zu sammeln. Hier sei die Einschätzung durch einen Experten hilfreich, bevor Zeit und Budget investiert werden. Wer diesen Schritt überspringt, riskiere einen Löschantrag mit langer, nervenaufreibender Diskussion und am Ende den Verlust des mühevoll erstellten Artikels.
Warum KI-Sichtbarkeit ohne Wikipedia kaum noch möglich ist
KI-Systeme wie ChatGPT und Perplexity greifen intensiv auf Wikipedia-Inhalte zurück. Welche Bedeutung hat das für Unternehmen, die in KI-Antworten sichtbar sein wollen?
Für die Sichtbarkeit in KI-Antworten hat ein Wikipedia-Eintrag laut Pöschl eine immense Bedeutung. Wer als Unternehmen dort erwähnt wird, sei bei der KI generell sichtbarer. Die klassische Suchmaschinenoptimierung genüge dafür heute nicht mehr, weil KI-Systeme vertrauenswürdige Daten unter anderem bei Wikipedia suchen. Wer dort nicht auftaucht, komme in der KI-Antwort seltener vor als der Wettbewerb. Wichtig sei allerdings, dass ein bestehender Artikel auch vollständig und aktuell bleibt. Nach Pöschls Erfahrung unterschätzen viele Unternehmen genau diesen Punkt: Sie freuen sich über einen stabilen Artikel und kümmern sich anschließend nicht mehr darum. Weil der Wikipedia-Community selbst oft die Kapazitäten fehlen, Unternehmensartikel aktiv zu pflegen, blieben Mängel bestehen, die von der KI in ihre Antworten übernommen werden oder zu Widersprüchen führen, die dem Unternehmen am Ende schaden.
Woran Geschäftsführer unseriöse Anbieter erkennen
Es kursieren viele Anbieter, die gegen Bezahlung Wikipedia-Einträge versprechen. Woran erkennt man seriöse Unterstützung, und was sind typische Warnsignale?
Das mit Abstand größte Warnsignal seien Garantieversprechen, sagt Pöschl. Wenn eine Agentur einen Wikipedia-Eintrag unabhängig von Relevanz und Quellenlage garantiert und behauptet, dieser werde niemals verändert oder gelöscht, sollten bei Entscheidern die Alarmsirenen angehen. Niemand könne Wikipedia kontrollieren. Selbst bei erfahrenen Wikipedianern komme es zu Löschanträgen. Seriöse Beratung erkenne man an zwei Dingen: einer ehrlichen Absage, wenn die Relevanzkriterien (noch) nicht erfüllt sind, und an absoluter Diskretion im Umgang mit dem Auftraggeber.
Pflege als Führungsaufgabe: Warum ein Artikel nie fertig ist
Ein einmal erstellter Wikipedia-Artikel kann jederzeit von der Community verändert oder gelöscht werden. Wie können Unternehmen ihren Eintrag langfristig schützen und aktuell halten?
Schützen oder dauerhaft vor Änderungen bewahren lasse sich ein Artikel grundsätzlich nicht, erklärt Pöschl. Wikipedia lebe vom Mitmachen, und jeder könne Änderungen vornehmen. Wer den Artikel aber nach einer sauberen Relevanzprüfung neutral aufbaut und ordentlich belegt, biete wenig Angriffsfläche. Als Wikipedia-Berater begleitet er Unternehmen genau bei diesem Aufbau. Ebenso wichtig sei die laufende Beobachtung und Aktualisierung: Wenn Änderungen relevant, transparent als bezahltes Schreiben ausgewiesen und mit Belegen versehen sind, gebe es für die Community keinen Grund, sie zu löschen. Für Unternehmen bedeutet das laut Pöschl: Ein Wikipedia-Artikel ist kein einmaliges Projekt, sondern eine dauerhafte Aufgabe, die klar verantwortet werden muss, statt irgendwo zu versanden.
20 Jahre Wikipedia: Das größte Missverständnis bleibt
Sie sind seit 2007 aktiver Autor mit über 32.000 Bearbeitungen. Was hat sich in dieser Zeit grundlegend verändert, und was bleibt das größte Missverständnis, das Unternehmen über Wikipedia haben?
Pöschl ist seit 2007 aktiver Autor und hat seither mehr als 32.000 Bearbeitungen vorgenommen. Als er anfing, steckte Wikipedia nach seiner Einschätzung noch in den Kinderschuhen; mittlerweile sei die Artikelzahl massiv gewachsen und ein umfassendes Regelwerk entstanden, das man kennen muss, um Fehler zu vermeiden. Das größte Missverständnis von Unternehmen sei bis heute unverändert: Sie erstellen einen Artikel ohne Vorbereitung, der eher einer Werbebotschaft gleicht, und gehen davon aus, der Artikel gehöre ihnen. Tatsächlich gebe ein Unternehmen die Kontrolle ab, sobald ein Text veröffentlicht ist. Ein Wikipedia-Artikel sei kein Werbeflyer, sondern ein Eintrag in einer Enzyklopädie. Wer das verstehe und akzeptiere, habe langfristig mehr Erfolg und profitiere am Ende auch selbst von Wikipedia.
Was Geschäftsführer daraus mitnehmen sollten
Für Entscheider läuft das Gespräch auf einen einfachen Punkt hinaus: Wikipedia ist kein Nebenschauplatz, sondern ein Sichtbarkeits- und Vertrauensfaktor, der zunehmend auch die eigene Position in KI-Antworten bestimmt. Wer noch keinen Artikel hat, sollte vor der nächsten Marketingplanung prüfen lassen, ob die eigene Relevanz dafür ausreicht. Wer bereits einen Artikel hat, sollte ihn zeitnah auf Vollständigkeit und Aktualität prüfen lassen, bevor es der Wettbewerb oder KI-Systeme mit veralteten Informationen für einen selbst tun. Der naheliegende nächste Schritt: dieses Interview an das eigene Marketing- oder Kommunikationsteam weiterleiten, mit der klaren Frage, ob und wie Wikipedia bereits Teil der eigenen Sichtbarkeitsstrategie ist.
Das Interview führte Jörg Maire.









