Innenstädte verändern sich, und mit ihnen die Anforderungen an kleine Unternehmen und Manufakturen. Ulrika von der Thannen betreibt seit Dezember 2025 ein eigenes Geschäft in Bregenz und kombiniert klassischen Ladenverkauf mit einem B2B Geschäft und einem Online Shop. Im Gespräch mit der Redaktion von kundengewinnungheute.de erklärt sie, warum reines B2C für ein Einzelunternehmen in der Innenstadt heute nicht mehr ausreicht, welche Fehler viele Händler machen, bevor sie umdenken, und warum sie trotz eines konservativen Marktes optimistisch bleibt.
Über die Interviewpartnerin
Ulrika von der Thannen ist Designerin und Unternehmerin mit einer eigenen Marke für hochwertige Bettwäsche und Wohnaccessoires, produziert in Österreich. Ursprünglich ausschließlich im B2B Geschäft tätig, eröffnete sie im Dezember 2025 zusätzlich ein eigenes Ladengeschäft in Bregenz am Bodensee. Seitdem verbindet sie stationären Verkauf, Geschäftskundengeschäft und einen eigenen Online Shop zu einem gemischten Geschäftsmodell.
Das Interview
Im Gespräch geht Ulrika von der Thannen unter anderem auf folgende Themen ein.
- Warum ein Ladengeschäft allein heute wirtschaftlich kaum trägt
- Konkrete Strategien für zusätzliche Standbeine neben dem Verkauf vor Ort
- Typische Fehler von Einzelhändlern, die sich nur auf Laufkundschaft verlassen
- Die Rolle persönlicher Beziehungen im stationären Handel
- Wie Kommunen und Wirtschaftsgemeinschaften Innenstädte beleben können
- Ihre Einschätzung zur Zukunft gemischter Ladenkonzepte
Du sagst, reines B2C reicht für ein Einzelunternehmen in der Innenstadt heute nicht mehr aus. Was hat dich zu dieser Erkenntnis gebracht?
Ulrika von der Thannen führt ihr Geschäft erst seit Dezember 2025, davor war sie ausschließlich im B2B Bereich tätig. Heute kombiniert sie beides, B2B und B2C, ergänzt um einen Online Shop. Am eigenen Umsatz im Ladengeschäft lasse sich genau ablesen, dass dieser allein nicht zum Überleben ausreichen würde. Erst das Zusammenspiel aller drei Standbeine mache das Geschäft wirtschaftlich tragfähig.
Welche konkreten Strategien nutzt du selbst, um dein Geschäft neben dem klassischen Ladenverkauf zusätzlich zu tragen?
Zentral sei für sie, Kunden eine spürbare Extra Meile zu bieten. Dazu gehören die Lieferung nach Hause, das Eingehen auf Sonderwünsche und der gezielte Aufbau persönlicher Beziehungen durch Beratung. Regelmäßige Events ergänzen dieses Konzept, etwa eine Schlafberatung, ein Summer Sale mit eingeladenen Kunden oder ein Adventsevent. Hinzu komme kontinuierlicher Content auf unterschiedlichen Kanälen, auf Meta für Privatpersonen und auf LinkedIn gezielt für Geschäftskunden.
Wo siehst du die größten Fehler, die kleine Einzelhändler und Manufakturen machen, wenn sie sich nur auf Laufkundschaft verlassen?
Viele Händler warteten schlicht darauf, dass Kundschaft von selbst ins Geschäft kommt und ohne Beratung kauft. Häufig fehle zudem eine professionelle Webseite, oder Social Media werde nur unregelmäßig und wenig durchdacht bespielt. Wer sich allein auf Laufkundschaft verlasse, überlasse damit einen zu großen Teil des Erfolgs dem Zufall.
Wie hilft dir dein B2B Standbein dabei, auch in schwierigeren Zeiten stabil zu bleiben?
Ulrika von der Thannen setzt gezielt auf den Aufbau von Beziehungen zu Einheimischen, durch gute Gespräche, Beratung und persönlichen Kontakt. Ihr Publikum im Laden seien vor allem Frauen ab 55 Jahren, für die genau diese persönliche Betreuung nach wie vor wichtig sei. Das parallel laufende B2B Geschäft sorge unabhängig von der Entwicklung der Laufkundschaft für zusätzliche Stabilität.
Was würdest du einem Innenstadtgeschäft raten, das gerade merkt, dass die klassischen Wege nicht mehr ausreichen?
Aus ihrer Sicht braucht es vor allem die Zusammenarbeit zwischen Wirtschaftsgemeinschaft und Gemeinde oder Stadtrat. Stadtfeste, Straßenfeste und gezielte Aktionen, bei denen Besucher heimische Händler kennenlernen und besuchen können, brächten spürbar mehr Leben in die Innenstadt. Solche gemeinsamen Initiativen erzeugten eine Aufmerksamkeit, die ein einzelnes Geschäft allein kaum erreichen könne.
Wie siehst du die Zukunft von Innenstadtgeschäften generell, welche Rolle spielt Online dabei aus deiner Sicht?
Ulrika von der Thannen sieht die Zukunft in gemischten Ladenkonzepten, etwa einer Bäckerei mit Kaffeerösterei oder einem Buchladen mit Weingeschäft. Offline und Online Shopping würden zunehmend gleichzeitig wichtig, weil viele Menschen unter der Woche schlicht keine Zeit zum Einkaufen vor Ort hätten, das gelte nach eigener Aussage auch für sie selbst als Händlerin. Sie versuche dennoch bewusst, regional einzukaufen, und bleibe optimistisch, gerade die aktuelle politische Situation führe viele Menschen zurück zum Ursprung, zum Lokalladen vor Ort.
Zentrale Erkenntnisse aus dem Interview
Aus dem Gespräch mit Ulrika von der Thannen lassen sich vier Kernaussagen herausarbeiten, die für Einzelunternehmer:innen in Innenstadtlagen unmittelbar handlungsleitend sind.
- Mehrere Standbeine statt eines: Ladengeschäft, B2B Geschäft und Online Shop zusammen tragen das Unternehmen, keines davon allein reicht aus.
- Beziehung schlägt Beiläufigkeit: Persönliche Beratung, Sonderwünsche und regelmäßige Events schaffen eine Kundenbindung, die reine Laufkundschaft nicht bietet.
- Sichtbarkeit ist kein Zufall: Eine professionelle Webseite und regelmäßiger, zielgruppengerechter Content auf verschiedenen Kanälen sind kein Extra, sondern Voraussetzung.
- Gemeinsam statt einzeln: Belebte Innenstädte entstehen durch Zusammenarbeit zwischen Händlern, Wirtschaftsgemeinschaft und Kommune, nicht durch einzelne Geschäfte im Alleingang.
Kontext
Die im Interview beschriebene Entwicklung deckt sich mit einer Herausforderung, vor der viele Innenstädte in Deutschland, Österreich und der Schweiz stehen. Reiner stationärer Einzelhandel gerät zunehmend unter Druck, während gleichzeitig der Wunsch nach persönlicher Beratung und regionalem Einkauf nicht verschwunden ist, sondern sich verändert. Gemeinden und Wirtschaftsgemeinschaften reagieren vielerorts bereits mit Straßenfesten, Sommerevents und gezielten Aktionen, um Innenstädte als Erlebnisorte statt reine Einkaufsflächen zu positionieren.
Gleichzeitig zeigt sich, dass Händler, die frühzeitig zusätzliche Standbeine wie B2B Geschäft oder Online Handel aufbauen, wirtschaftlich unabhängiger von der reinen Frequenz vor Ort werden. Diese Kombination aus stationärem Verkauf, digitaler Sichtbarkeit und persönlicher Kundenbindung beschreibt einen Trend, der sich in vielen europäischen Innenstädten unterschiedlich schnell durchsetzt.
Was Unternehmer:innen aus dem Interview mitnehmen sollten
Für Einzelunternehmer:innen mit einem Geschäft in der Innenstadt liegt die zentrale Botschaft des Interviews darin, das eigene Geschäftsmodell nicht auf eine einzige Einnahmequelle zu verengen. Wer frühzeitig zusätzliche Standbeine aufbaut, sei es B2B Geschäft, Online Shop oder beides, reduziert nach der Erfahrung von Ulrika von der Thannen die Abhängigkeit von reiner Laufkundschaft erheblich.
Ebenso wichtig ist die Erkenntnis, dass persönliche Beziehungen im stationären Handel nicht durch Digitalisierung ersetzt, sondern durch sie ergänzt werden sollten. Wer Beratung, Sonderwünsche und Events konsequent anbietet und gleichzeitig auf den passenden Kanälen sichtbar ist, verschafft sich einen Vorteil, den reine Onlinehändler nicht bieten können.
FAQ
Reicht ein Ladengeschäft in der Innenstadt heute noch allein aus?
Nach Einschätzung von Ulrika von der Thannen in der Regel nicht. Reine Laufkundschaft trage ein Einzelunternehmen meist nicht ausreichend, zusätzliche Standbeine wie B2B Geschäft oder Online Shop seien für viele Händler notwendig.
Welche Rolle spielen Events für den stationären Handel?
Events wie Beratungstage oder saisonale Aktionen stärken laut Ulrika von der Thannen die persönliche Bindung zur Kundschaft und schaffen zusätzliche Anlässe für einen Besuch im Geschäft, unabhängig vom laufenden Tagesgeschäft.
Wie können Gemeinden Innenstädte aktiv unterstützen?
Durch Straßenfeste, Sommerevents und gezielte Aktionen, bei denen Besucher heimische Händler kennenlernen, lässt sich laut Ulrika von der Thannen deutlich mehr Aufmerksamkeit erzeugen, als einzelne Geschäfte allein erreichen könnten.
Widersprechen sich Online Shop und stationäres Geschäft?
Nein. Ulrika von der Thannen sieht beide als sich ergänzende Standbeine, gerade weil viele Kund:innen unter der Woche wenig Zeit für den Einkauf vor Ort haben.
Hinweis: Dieser Beitrag gibt die redaktionellen Ansichten der Redaktion von kundengewinnungheute.de sowie die persönlichen Einschätzungen der Interviewpartnerin wieder. Er stellt keine individuelle Unternehmensberatung dar und ersetzt kein persönliches Beratungsgespräch. Konkrete Maßnahmen sollten stets an die jeweilige Unternehmenssituation angepasst werden.









